Eine Begleitperson am MATHEentdecken-Tag erklärt einem Kind ein Spiel.

Hüpfen, spiegeln und Muster erforschen - Frühe mathematische Förderung

Am 8. Mai 2021 war das Hadwig wieder von fröhlichen Kinderstimmen erfüllt. Bereits zum zweiten Mal wurde der MATHEentdecken-Tag für Kinder zwischen zwei und sechs Jahren und ihre Eltern durchgeführt. 80 Kinder und Eltern erforschten an verschiedenen Posten mathematische Phänomene. Weitere 220 Kinder und Eltern konnten mittels eines Online-Angebots daheim mathematische Erfahrungen machen. 

Kinder entdecken gern Neues und blicken neugierig auf die Phänomene in ihrer Umwelt. Seien es Erfahrungen zur Symmetrie beim Blick in den Spiegel, Erfahrungen zu Regelmässigkeiten in Mustern beim Aufsagen von Reimen, beim Hüpfen oder beim Ketten basteln oder Erfahrungen im Bereich der Zahlbegriffsentwicklung und Raumvorstellung beim Tisch decken. Der Alltag der Kinder hält viele mathematische Phänomene bereit und der mathematische Blick auf die Welt beginnt nicht erst mit dem Erlernen der Rechenoperationen. Kinder können sich bereits im jungen Alter spielerisch mit mathematischen Phänomenen in ihrer Umwelt und ihrem Alltag auseinandersetzen und so aktiv ihr mathematisches Wissen konstruieren und mathematische Kompetenzen erwerben. Allerdings müssen sie dazu die Chance erhalten. Hier kommen die Erwachsenen im Umfeld der Kinder ins Spiel. Wenn sie das mathematische Potenzial in Alltags- und Spielsituationen erkennen und eine Sensibilität dafür entwickeln, können sie sich gemeinsam mit ihren Kindern auf die Suche nach spannenden mathematischen Phänomenen machen und die Kinder beim Erwerb einer mathematischen Bewusstheit unterstützen. 

«Wann fängt die Mathematik an? Wenn ein Kind ein Dreieck von einem Quadrat, zwei von drei, drei von vier unterscheiden kann? Oder: wenn, während die Mutter geradeaus geht, das Kind um eine Buschanlage herumläuft, um am Ende die Mutter zu überraschen?» hat schon der Mathematiker und Wissenschaftsdidaktiker Hans Freudenthal in seinem Buch «Kinder und Mathematik» gefragt, und er gibt die Antwort gleich selbst: «Es hängt davon ab, wie bewusst es geschieht» MATHEentdecken möchte u.a. durch den MATHEentdecken-Tag den Kindern derartige bewusste mathematische Erfahrungen ermöglichen und bei den Erwachsenen die Sensibilität für mathematische Phänomene und Erfahrungen im Alltag wecken. 

Mathematische Phänomene spielerisch erforschen
Der MATHEentdecken-Tag ist Teil des Projekts MATHEentdecken, das unter der Leitung von Barbara Ott (Zentrum Mathematik) und Lydia Wenger (Zentrum Frühe Bildung) durchgeführt wird. In verschiedenen Angeboten wurden Situationen und Materialien aus dem kindlichen Alltag aufgegriffen und mathematisch betrachtet. So konnten die Kinder beispielsweise Erfahrungen mit dem Zählen und Wahrnehmen von Anzahlen bei Hüpfspielen und beim Dosenwerfen machen sowie sich mit Phänomenen des Spiegelns auseinandersetzen, indem sie die angeknabberte Schokolade so wieder vollständig machten oder noch stärker verkleinerten. Weiter konnten sie Muster aus Alltagsmaterialien erforschen und erfinden, beim Packen und Tragen von Taschen oder beim Eine-Minute-Hüpfen Erfahrungen zu Grössen und zum Messen machen und sich beim Bauen mit Hölzern mit geometrischen Phänomenen und der Raumvorstellung auseinandersetzen. 

Aufgrund der COVID-19-Lage konnten die Aktivitäten des MATHEentdecken-Tags in diesem Jahr nicht wie beim ersten Anlass in einem Mix aus angeleiteten Ateliers, Eltern-Kind-Aktivitäten, freiem Spiel und Aktivitäten für ältere Geschwister angeboten werden. Stattdessen wurden die mathematischen Phänomene unter Einhaltung eines strengen Schutzkonzepts von den Eltern und Kindern an verschiedenen Posten erforscht. Dabei wurden sie von Fachpersonen der Mathematikdidaktik und Studierenden des Studiengangs Kindergarten- und Primarstufe begleitet. An jedem Posten führten kleine Videos in die Aktivitäten ein und machten neugierig, was bei der jeweiligen Aktivität alles erforscht werden kann. Diese Videos wurden nicht nur in deutscher Sprache angeboten, sondern auch in Albanisch, Arabisch, Serbisch, Slowakisch und Türkisch. Unter Mithilfe der Medienwerkstatt hatten Studierende der PHSG, ein Kantonsschüler und eine Dozentin die Texte zuvor in die jeweiligen Sprachen übersetzt und die Videos synchronisiert. Ergänzt wurde das Angebot durch einen Online-Vortrag zum Thema «So kommt Mathe ins Spiel. Wo ergeben sich im kindlichen Alltag spielerisch mathematische Lerngelegenheiten?» und ein Faltblatt mit Ideen, wie mathematische Phänomene im Freien spielerisch entdeckt werden können.

Das Interesse am MATHEentdecken-Tag war mit rund 300 angemeldeten Personen sehr gross. Die Teilnehmendenzahl für den Anlass im Hadwig musste aufgrund der geltenden COVID-19-Massnahmen beschränkt werden, weshalb nicht alle Familien vor Ort am Angebot teilnehmen konnten. Diesen Familien wurde dennoch die Auseinandersetzung mit mathematischen Phänomenen durch einen Online-Zugang zum Fachreferat und zu den MATHEentdecken-Videos sowie durch das Faltblatt mit den Spielideen für mathematische Erfahrungen im Freien ermöglicht. So konnte allen interessierten Familien ein MATHEentdecken-Angebot zur Verfügung gestellt werden.  

Das Projekt MATHEentdecken
Der jährlich im Mai stattfindende MATHEentdecken-Tag ist Teil des Projekts MATHEentdecken zur frühen mathematischen Förderung im Alltag, ein Kooperationsprojekt des Zentrums Mathematik und des Zentrums Frühe Bildung der PHSG. Das Projekt richtet sich mit verschiedenen Angeboten an Kinder zwischen zwei und sechs Jahren sowie an die Erwachsenen, die die Kinder in ihrem Alltag begleiten, beispielsweise Eltern und Grosseltern, aber auch Fachpersonen der frühkindlichen Bildung (Spielgruppenleitende, Kita-Fachpersonen, Kindergartenlehrpersonen, etc.). Neben dem MATHEentdecken-Tag umfasst das Projekt Familienateliers und Weiterbildungsangebote, welche von Familienzentren, Spielgruppen, Kitas oder Kindergärten gebucht werden können. Dabei soll ein Angebot für die gesamte Bevölkerung in der Ostschweiz geschaffen werden, weshalb die Anlässe für die teilnehmenden Familien kostenlos sind und auch Familien mit Deutsch als Zweitsprache angesprochen werden. Zudem soll sich das Angebot nicht nur auf die Stadt St. Gallen konzentrieren. Der MATHEentdecken-Tag 2022 ist beispielsweise am 7. Mai 2022 in Sargans geplant. Unterstützt wird das Projekt vom Kinder-Jugendkredit des Kantons St.Gallen, der St.Galler Kantonalbank sowie der Dr. Fred Styger Stiftung. Weitere Informationen finden sich auf der MATHEentdecken-Website.

Nachhaltigkeit des Projekts MATHEentdecken
Ein Anliegen des Projekts MATHEentdecken ist es, die frühe mathematische Förderung nachhaltig in der Ostschweiz zu implementieren. Das soll einerseits durch den jährlich stattfindenden MATHEentdecken-Tag gewährleistet werden, andererseits durch die Familienateliers und Weiterbildungen. Darüber hinaus wird monatlich auf der MATHEentdecken-Website sowie auf dem Facebook- und Instagram-Account der PHSG eine Spielidee des Monats zum MATHEentdecken im Freien veröffentlicht. Der Start ist im Juni mit dem Spiel «Fünfzehn, vierzehn, ...».