Digitale Kompetenzen auch digital prüfen

Am 9. OKB-Symposium vom Freitag, 7. Dezember 2018, in St.Gallen, machten sich rund 470 Berufsbildungsverantwortliche auf die Suche nach der zeitgemässen Prüfung und Beurteilung von Kompetenzen und Leistungen. Organisiert wurde das Symposium von der Pädagogischen Hochschule St.Gallen (PHSG), dem Zentrum für berufliche Weiterbildung (ZbW) und dem Institut für Wirtschaftspädagogik der Universität St.Gallen (IWP-HSG), welche zusammen das Ostschweizer Kompetenzzentrum für Berufsbildung verantworten.

Seit jeher wird der Mensch geprüft. Insbesondere in der Schule, im Studium oder in der Berufsausbildung kommt er um eine Beurteilung seiner Kompetenzen und Leistungen nicht herum. Doch gerade im Umgang mit Lernenden ist nicht immer alles messbar – oder doch? Was braucht es für eine zeitgemässe Beurteilung? Wie kompatibel sind analoger Unterricht und digitale Prüfungen? Über diese und andere Fragen diskutierten am 9. OKB-Symposium vom Freitag, 7. Dezember, rund 470 Berufsbildnerinnen und Berufsbildner zusammen mit Wissenschaftlern und Bildungsexperten. Das Thema des Symposiums lautete: «Prüfen und beurteilen – auf der Suche nach Klarheit und Wahrheit». Moderiert wurde der Anlass von Melanie Salis. Die gelernte Möbelschreinerin und ehemalige Radiomacherin arbeitet als Personalentwicklerin und Lehrlingsverantwortliche bei einer Bünder Baufirma.

Ist Lernerfolg messbar?
Zwei unterschiedliche Meinungen zum Tagungsthema vertraten die beiden Referenten Esther Winther und Philipp Hübl. Während für die Professorin im Fachbereich Berufliche Aus- und Weiterbildung an der Universität Duisburg-Essen das Können und Verstehen messbar ist, bezeichnete der Philosoph und Buchautor das Messen von Lernerfolg durch standardisierte Tests als «problematisch». Normierungen könnten Talente verhindern, Zahlen bekämen oft einen Eigenwert und Messungen könnten das essentialistische Denken verstärken, sagte Philipp Hübl. Dennoch werde an Schulen und Universitäten immer noch das «eher leicht testbare und gradlinige Problemlösen» unterrichtet und gelehrt, kritisierte er. «Die Tugenden der digitalen Zukunft allerdings sind Kreativität, soziale Intelligenz und kritisches Denken – und das muss gefördert werden.»
Esther Winther glaubt nicht, dass in 25 Jahren alle Prüfungsfragen von heute ausgedient haben. «Die klassischen Multiple Choice-Fragen bleiben bestehen.» Als «Verfechterin des fachlichen Wissens» ist sie überzeugt, dass die empirische Berufsbildungsforschung durch die Harmonisierung der Lehrpläne und der Schlussprüfungen an Bedeutung gewinnen wird.

Berufsbildung wird neu organisiert
Nach den Referaten am Morgen konnten sich die Teilnehmenden am Nachmittag in verschiedenen Foren thematisch vertiefen. Bei Rahel Räz, Berufsschulfachlehrerin und Programmleiterin ABU beim hep verlag, ging es um die Frage, ob heute noch zeitgemäss geprüft werde. Ihre Antwort: «Nein, das tun wir nicht.» Digitale Kompetenzen gehörten zur Berufsfachschule. Deshalb müsse auch digital geprüft werden. Anhand von zwei Beispielen zeigte die Referentin auf, wie sie das in ihrem Unterricht umsetzt. Auf einer eigens dafür aufgebauten Webseite liess sie von ihren Berufsschülerinnen und Berufsschülern ein Thema mit Hilfe von digitalen Instrumenten erarbeiten. Rahel Räz beurteilte danach nicht nur Inhalt und Sprache des Auftrags, sondern auch Gestaltung und Benutzerfreundlichkeit der Webseite. Unter dem Titel «Fit4Future» organisiert der Kanton St.Gallen die Berufsbildung neu. Bruno Müller leitet seit 2017 das kantonale Amt für Berufsbildung. Im Fokus der Strategie, die sich an der «Berufsbildung 2030» des SBFI ausrichte, stünden die Kompetenzen und die Bündelung der Kompetenzen, sagte er und erläuterte in seinem Referat, was dies für die St.Galler Berufsschulen künftig bedeutet und welche Auswirkungen die Neuorganisation hat.

Aus Sicht einer erfolgreichen Kosmetikerin
Vor den Augen der Öffentlichkeit geprüft und beurteilt werden: Valeria Tschann weiss wie das ist. Die junge Kosmetikerin wurde 2016 Schweizer Meisterin an den Berufsmeisterschaften, an den WorldSkills ein Jahr später erlangte sie ein Diplom und an den Euro-Skills in diesem Jahr reichte es der Thurgauerin für den vierten Platz. «Die Experten nehmen einen ziemlich auseinander», sagte sie, «und das ist manchmal recht schwierig und hat mich auch an mir zweifeln lassen.» Mit Mentaltraining habe sie gelernt, damit umzugehen. Ausserdem sei sie ein ehrgeiziger Mensch, und wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt habe, dann wolle sie das auch erreichen, so Valeria Tschann, die heute im Betrieb zwei Lernende betreut und später gerne Berufsschulfachlehrerin werden möchte.
Musikalisch umrahmt wurde das diesjährige OKB-Symposium vom Freestyle-Trouba-dour Bruno Bieri aus Bern. Seine Version von «Rap meets Classic» begeisterte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

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