OKB-Symposium 2019 PHSG

Berufsbildung als Voraussetzung für lebenslanges Lernen

Durch die Digitalisierung werden viele Berufe verschwinden und dafür neue Arbeitsformen entstehen. Welche Herausforderungen bringt das für die Berufsbildung mit sich? Über diese und weitere Fragen haben am 10. OKB Symposium in den Olma-Hallen in St. Gallen mehr als 400 Fachpersonen aus der  Berufsbildung diskutiert. Organisiert wird das Symposium jeweils vom Ostschweizer Kompetenzzentrum für Berufsbildung (OKB).

«Wie die Welt und der Arbeitsmarkt im Jahr 2050 aussehen werden, wissen wir heute noch nicht. Allerdings haben wir einige Experten zu dem Thema eingeladen», begrüsste Moderator Maximilian Koch die Teilnehmenden des 10. OKB Symposiums. Über 400 Fachpersonen aus dem Bereich der Berufsbildung diskutierten am 6. Dezember in den Olma-Hallen in St. Gallen über die Herausforderungen, die die Digitalisierung für die Berufsbildung mit sich bringt. Welche Berufe werden verschwinden? Welche neuen Arbeitsformen werden entstehen? Und wie kann die Berufsbildung bereits jetzt auf diese Entwicklung reagieren?

«Ein Ende der Arbeit wird es nicht geben»
Eine erste Einschätzung dieser Fragen lieferten die vier Input-Referate. Unter dem Titel «Wenn die Roboter kommen» zeichnete Matthias Ammann, Leiter Berufsbildung bei avenir suisse, ein optimistisches Bild. Derzeit würden in der Schweiz mehr Arbeitsstellen geschaffen als wegfallen. Ein Ende der Arbeit werde es daher trotz der Digitalisierung nicht geben. Ammann warnte im Gegenteil vor Lücken auf dem Arbeitsmarkt, die als Folge der demographischen Entwicklung entstehen würden. Für die Berufsbildung bedeute dies, dass sie gestärkt werden müsse. «Die Berufsbildung ist die Grundvoraussetzung für lebenslanges Lernen. Sie ist der Einstieg in die Arbeitswelt und nicht der Endpunkt.» 

Dass die Digitalisierung viele Chancen mit sich bringt, davon ist auch Vania Alleva, Geschäftsführerin der Gewerkschaft Unia, überzeugt. Im Unterschied zu früheren Veränderungsprozessen wie etwa während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, komme der Wandel diesmal mit einer grösseren Geschwindigkeit auf uns zu. Bereits jetzt sind laut Alleva gängige Arbeitsverhältnisse auf dem Rückzug, während atypische Arbeitsverhältnisse zunehmen. «Die Digitalisierung birgt die Gefahr einer beschleunigten und zeitlichen Entgrenzung der Arbeit», sagte sie. Als Beispiele nannte Alleva Home Office, die ständige Erreichbarkeit oder Programme zur vernetzten Planung, wie sie etwa im Baugewerbe eingesetzt werden. «Die Gefahr ist, dass der Termindruck dadurch direkt an die Beschäftigten weitergegeben wird. In diesem Sinne fördert die Digitalisierung den sogenannten Technostress», sagte sie. 

Gelasseneres Arbeitsklima in China
Wie Menschen in China im Zeitalter der Digitalisierung mit Stress umgehen, zeigte Deborah Hutter, lernende Polymechanikerin im 4. Lehrjahr bei der Bühler AG, in ihrem Inputreferat auf. Im Rahmen eines Austauschprogrammes der Bühler AG konnte sie während drei Monaten in einer Montageabteilung in Wuxi arbeiten. Das Arbeitsklima in China beschrieb sie als viel gelassener als in der Schweiz. Das liege vor allem daran, dass Chinesinnen und Chinesen gelassener mit Stress umgehen würden. Bereits jetzt, während ihrer Lehre, denkt Deborah Hutter über Weiterbildungen nach. «Ich glaube nicht, dass ein solider Lehrabschluss in der Zukunft genügt. Digitalisierung bedeutet, dass man sich permanent schulisch und praktisch weiterbilden muss», sagte sie. Dass die Höherqualifizierung in der Schweiz zu langsam gefördert werde, kritisierte denn auch Valentin Vogt, Präsident des Arbeitgeberverbandes. Diese sei die Voraussetzung dafür, dass Menschen, die wegen der Digitalisierung ihren Job verlieren würden, eine neue Stelle fänden. Die Berufsbildung stärker auf die Digitalisierung auszurichten, die Arbeitsmarktflexibilität zu erhöhen sowie ein proaktives Engagement der Arbeitgeber waren einige Forderungen, die Vogt nannte.   

Persönliche Fähigkeiten sind unersetzlich
Anknüpfend an die Inputreferate hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, sich in einem von vier Foren auszutauschen. Unterteilt in die Gruppen «Detailhandel und Dienstleistungsbereiche», «Gesundheitswesen», «Industrie» sowie «Gewerbe» diskutierten sie darüber, welche branchenspezifischen Veränderungen die Digitalisierung zur Folge hat. 

Einen gesamtschweizerischen Überblick zeichnete Martina Hirayama, Staatssekretärin des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) und oberste Berufsbildnerin der Schweiz. In ihrem Referat thematisierte Hirayama unter anderem die Bedeutung der dualen Berufsbildung für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz. Um im Zeitalter der Digitalisierung international mithalten zu können, brauche es gerade im Bereich der Berufsbildung neue Ansätze. Die St. Galler IT-Bildungsoffensive bezeichnete Hirayama diesbezüglich als Vorreiter-Projekt.  Zudem gelte es, Unternehmen dahingehend zu sensibilisieren, ihre Mitarbeitenden zu Weiterbildungen zu motivieren. Der Umgang mit Veränderungen, digitale Fähigkeiten, Sprachfähigkeiten, Mobilität und Flexibilität würden immer wichtiger. Hirayama stellte in diesem Zusammenhang die Initiative «Berufsbildung 2030» vor, die der Bund zusammen mit verschiedenen Akteuren initiiert hat. «Eines unserer Hauptziele ist die Flexibilisierung», sagte sie. «Die Arbeitswelt soll Ausbildungsinhalte rascher den digitalen Entwicklungen anpassen können.» 

Praktische Handlungsanweisungen für die Unternehmen beinhaltete der Vortrag von Joël Luc Cachelin. Mit seinem Unternehmen wissensfabrik.ch begleitetet er Unternehmen in Zukunftsfragen. Als studierter Betriebswirt hat er bereits mehrere Sachbücher zur digitalen Transformation veröffentlicht. Vom digitalen Wandel werden laut Cachelin vor allem mittelqualifizierte Menschen betroffen sein. Es werde hingegen immer Menschen geben, die einfache Tätigkeiten ausführen. Auch hochqualifizierte oder kreative Personen könnten durch künstliche Intelligenz nicht ersetzt werden. «Persönliche Fähigkeiten wie Agilität, Neugierde oder soziale Kompetenzen müssen daher gestärkt werden», sagte er. Unternehmen müssten zudem bereit sein, sich auf die neuen Arbeitsformen der Zukunft einzulassen. Dazu gehören laut Cachelin etwa Co-Working sowie ein neues Verständnis von Führungsrollen und Hierarchien.