Zwischen Unterhaltung und Haltung - jungspund-Festival Symposium 2026
Am Symposium wird nach Möglichkeiten, Chancen und Grenzen politischen Theaters für junges Publikum gesucht
«Wie kann eine politische Haltung entwickelt und innerhalb des Kinder- und Jugendtheaters vermittelt und gefördert werden?» Dieser Frage widmete sich am 5. März 2026 ein ganztägiges Symposium im Raum für Literatur in St. Gallen. Rund 50 Teilnehmende aus Theaterpraxis, Wissenschaft, Pädagogik und Ausbildung kamen im Rahmen des jungspund-Festivals zusammen, um über Chancen, Grenzen und Verantwortung von politischem Kinder- und Jugendtheater im Kontext von ästhetischer und kultureller Bildung zu diskutieren. Organisiert wurde die ausgebuchte Veranstaltung vom Themenbereich Darstellende Künste des Instituts für Kulturelle und Ästhetische Bildung der Pädagogischen Hochschule St. Gallen in Kooperation mit dem jungspund-Festival.
Schon der Auftakt zeigte, dass an diesem Symposium nicht nur über politisches Theater gesprochen, sondern praktiziert wird. Die Begrüssung erfolgte performativ anhand der Dekonstruktion eines Stuhlturms. Nach und nach nahmen die Teilnehmer:innen Stühle aus dem Turm, verteilten sie im Raum und bildeten die neue Sitzordnung. Aus einer festen Struktur entstand so Schritt für Schritt ein gemeinsamer Denkraum. Ein symbolischer Beginn für einen Tag, der bestehende Perspektiven hinterfragte und neue Verbindungen ermöglichte.
Den inhaltlichen Auftakt gestaltete Sibylle Peters (Künstlerische Leitung FUNDUS THEATER - FORSCHUNGSTHEATER Hamburg) mit einem Impulsreferat. Sie stellte ihre Institution als Ort des szenischen Forschens vor, an dem Kinder und Jugendliche nicht nur Publikum, sondern aktive Mitgestalter:innen sind. Peters sprach über Theater als Experimentierraum, einen Ort, an dem Fragen wichtiger sein können als Antworten und in welchem gesellschaftliche Themen gemeinsam untersucht werden.
Anschliessend wechselte die Form vom Zuhören ins Tun. Im Workshop „Bauen von Utopien“ bauten die Teilnehmer:innen in Gruppen mögliche Erfahrungsräumen für das Kinder- und Jugendtheater die politisch bildungswirksam sind. Zwischen Unmengen an Bastelmaterial, eigenen, aus dem Impulsreferat entstandenen Fragen auf Post-its und intensiven Diskussionen entstanden installative Objekte und somit Denkmodelle für zukünftige Theaterpraktiken. In der Verdichtungsphase erarbeiteten die Gruppen kurze Manifeste, die zentrale Haltungen formulierten: «Nichts wissen, immer Fragen. Perspektivenwechsel ermöglichen. Mut, Neues auszuprobieren.» Andere Texte beschrieben politisches Theater als Prozess, in dem Zuhören, Widerspruch und das Aushalten von Unsicherheit gleichermassen Platz haben sollten oder betonten die Verantwortung zwischen Generationen: «Jede Generation muss sich vor der nächsten verantworten.»
Am Nachmittag, nach einem gemeinsamen Suppen-Zmittag, verlagerte sich das Denken in den Stadtraum. Beim Stadtrundgang in kleinen Gruppen wurden Eindrücke des Vormittags weiterentwickelt und Fragen von Umsetzung, Reibung und Reflexion gesammelt. Im abschliessenden Podiumsgespräch diskutierten die Gäste Sibylle Peters (Fundustheater – Forschungstheater Hamburg), Luzius Engel (Co-Leitung Junge Bühne Bern), Jelena Moser (Kulturagentin und Theaterschaffende) sowie Nina Curcio (Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Theaterpädagogik FHNW und freie Theaterschaffende) die im Stadtrundgang entstandenen Fragen und Reibungsmomente. Gemeinsam mit dem Publikum, das sich jederzeit an der Diskussion beteiligen konnte, reflektierten sie, wie politische Themen im Theater für junges Publikum vermittelt werden können – und wo mögliche Herausforderungen und Reibungsmomente neue Chancen ermöglichen. Dabei wurde deutlich: Politisches Theater für Kinder und Jugendliche bedeutet, den Kindern Verantwortung zu übergeben und Erfahrungsräume zu ermöglichen, wo Fragen geklärt und ein neues Miteinander ausprobiert werden kann. Junge Menschen sind ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft, die es ernst zu nehmen gilt – als Denkende, Fragende und Mitgestaltende.
Am Symposium zeigte sich eindrücklich, wie inspirierend der Dialog zwischen Kunst, Pädagogik und Wissenschaft sein kann. Die Veranstaltung machte deutlich, dass Theater für junges Publikum weit mehr als Unterhaltung ist; es ist ein Raum, in dem gesellschaftliche Fragen verhandelt, Perspektiven gewechselt und neue Vorstellungen von Zukunft ausprobiert werden können. Vielleicht lässt sich die Bedeutung des Tages am besten mit einem Satz aus den entstandenen Manifesten zusammenfassen: «Lebendige Veränderung beginnt dort, wo wir zuhören, widersprechen und uns auf das Ungewisse einlassen.»