Was es zum Gelingen einer integrativen Schule braucht
Bei Focus PHSG diskutierten am Mittwoch, 21. Oktober, Fachleute aus Bildungswesen und Politik die Gelingensbedingungen der integrativen Sonderschulung.
Eine Mehrheit der Lehrpersonen im Kanton St.Gallen steht der Idee der integrativen Schule kritisch gegenüber, wie eine Umfrage des Verbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) zeigt. Gleichzeitig soll im neuen Volksschulgesetz des Kantons erstmals eine Grundlage für eine integrative Sonderschulung in Regelklassen geschaffen werden. Wie soll mit diesem Spannungsfeld umgegangen werden? Und was braucht es für ein Gelingen einer inklusiven Schule? Diese Fragen wurden am Mittwoch, 21. Oktober, im Rahmen von Focus PHSG in der Aula des Hochschulgebäudes Hadwig in St.Gallen diskutiert.
Der Heterogenität im Klassenzimmer Rechnung tragen
Um eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zu schaffen, ordnete zu Beginn Prof. Dr. Bea Zumwald das Thema ein. Sie ist Co-Studienleiterin des Masters Schulische Heilpädagogik, den die Pädagogische Hochschule St.Gallen in Kooperation mit der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik anbietet. Sie zeigte auf, dass sich der Anspruch auf Inklusion sowohl aus gesetzlichen Grundlagen wie dem Behindertengleichstellungsgesetz als auch aus ethischen Werten wie Gleichberechtigung, Anerkennung von Vielfalt und Teilhabe ableitet.
In der Debatte zur integrativen Schule würden häufig drei Ebenen vermischt, die es zu unterscheiden gelte: Inklusiven Klassenunterricht, Kleinklassen und temporäre Separation – beispielsweise in Lerninseln – sowie integrative Sonderschulung. Ein inklusiver Blick auf die Klasse ist laut Zumwald aber eine Grundbedingung jeden Unterrichts: «Die Orientierung an den individuellen Lernvoraussetzungen, Entwicklungsmöglichkeiten, Mehrsprachigkeit und unterschiedlichen Lebenswelten ist in jeder Klasse notwendig, unabhängig davon, ob es daneben Kleinklassen oder Sonderschulen gibt», sagte Bea Zumwald. Sie wies auch darauf hin, dass Kleinklassen Risiken für die Chancengleichheit aber keine generellen Lernvorteile bieten. Formen der Separation können jedoch in besonders herausfordernden Lern- und Belastungssituationen gezielte Förderung, Entlastung und Stabilisierung ermöglichen.
Die geplante Revision des St.Galler Volksschulgesetzes sieht vor, dass die Sonderschulung von Kindern mit verstärkten Massnahmen künftig auch integrativ in Regelklassen statt wie bisher ausschliesslich erfolgen kann. Damit die integrative Sonderschulung ebenso wie inklusiver Klassenunterricht gelingt, brauche es die entsprechenden Rahmenbedingungen: genügend Ressourcen, Lehrpersonen und Schulische Heilpädagog:innen, die gemeinsam Verantwortung übernehmen und einen an den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen orientierten Unterricht gestalten, so Bea Zumwald. Ebenso wichtig seien Schulleitungen, die eine inklusive Schulentwicklung sowie die gezielte Aus- und Weiterbildung aller Beteiligten fördern.
Kritisch, aber doch für die integrative Sonderschulung
Im Anschluss an den Input von Bea Zumwald diskutierten Patrick Keller, Präsident des Kantonalen Lehrerinnen- und Lehrerverbands SG (KLV), Franziska Steiner-Kaufmann, Präsidentin Die Mitte SG und Schulleiterin, Tamara Wenzler, Schulleiterin, und Simone Zoller, Präsidentin der Konferenz der Schulischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen des Kantons St.Gallen. Er glaube nicht, dass die Lehrpersonen im Kanton St.Gallen grundsätzlich gegen die integrative Schule seien, sagte Patrick Keller. «Aber unter den jetzigen Rahmenbedingungen funktioniert sie nicht oder nicht richtig.» Ungeachtet der kritischen Haltung der St.Galler Lehrpersonen zur integrativen Schule, die sich in der LCH-Umfrage gezeigt habe, befürwortet eine Mehrheit von ihnen die im neuen Volksschulgesetz vorgesehen integrative Sonderschulung. Dies habe eine Mitgliederbefragung des KLV gezeigt. «Dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich aus unserer Sicht auf die Ressourcen vor Ort, die der Hauptgrund für die kritische Haltung sind.
Eine Frage der Ressourcen
Bildungspolitikerin Franziska Steiner-Kaufmann erklärte, dass sich mit der geplanten Reform des Volksschulgesetzes nicht viel ändern würde. Schüler:innen mit Bedarf nach verstärkten Massnahmen werden teils schon heute in Regelklassen beschult, beispielsweise weil der Platz in einer Sonderschule fehle oder weil die Eltern sich dafür einsetzen. «Mit der neuen Regelung werden wir einfach ehrlicher bei der Finanzierung.» Zustimmung erhielt sie dazu von Tamara Wenzler.
Auf die Frage, wo sie als Schulische Heilpädagogin die grössten Herausforderungen sehe, nannte Simone Zoller die Ressourcen – personelle und räumliche. Durch die begrenzten Kapazitäten könne man vielfach nicht selbst mit den Kindern arbeiten und rutsche in eine Beratungsrolle. «Das wird von den Lehrpersonen nicht immer als Entlastung wahrgenommen, sondern manchmal eher als zusätzliche Belastung.» In räumlicher Hinsicht verschärfe sich eine Situation oft durch Klassengrössen oder Doppelnutzungen von Räumen, die bei einigen Kindern zur Reizüberflutung führen können. Nebenräume oder Lernnischen können hier Abhilfe schaffen. Tamara Wenzler fügte hinzu, dass sich Lehrpersonen oft zu sehr als alleinverantwortlich ansehen würden, wobei Inklusion eine Teamaufgabe und innerhalb des Schulhauses Unterstützung vorhanden sei.
Dass für das Gelingen von Inklusion entsprechende Ressourcen notwendig sind, darüber herrschte in der Runde Einigkeit. Franziska Steiner-Kaufmann wies im Laufe der Diskussion aber auch darauf hin, dass hier ein Weg innerhalb des gegebenen finanzpolitischen Rahmens gefunden werden müsse.
Im Anschluss an die Podiumsdiskussion hatten auch die Zuhörer:innen Gelegenheit, Fragen zu stellen. Das Thema konnte auch beim anschliessenden Apéro, der von der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons St.Gallen offeriert wurde, vertieft werden.