Schule und PHSG rücken näher zusammen

Schule und PHSG rücken näher zusammen

Alle Praktika des Studiums im gleichen Schulhaus: Die PHSG testet in vier Oberstufenzentren in Waldkirch und Gossau mit dem Pilotprojekt Partnerschulen 2.0 ein neues Modell für die berufspraktische Ausbildung der angehenden Oberstufenlehrpersonen.

Die Pädagogische Hochschule St.Gallen (PHSG) ist für die Ausbildung des Lehrpersonennachwuchses für den Kanton St.Gallen zuständig. An den Standorten St. Gallen, Rorschach und Gossau werden pro Jahr von 260 Dozierenden rund 1300 angehende Kindergarten-, Primarschul- und Oberstufenlehrpersonen ausgebildet. Das Bachelor-Studium Kindergarten- und Primarstufe dauert sechs Semester, das Bachelor-Master-Studium Sekundarstufe I dauert gesamthaft neun Semester.

Praktika als Teil der Ausbildung
Die Studentinnen und Studenten der PHSG absolvieren im Verlaufe ihres Studiums zu Lehrkräften der Unter-, Mittel- oder Oberstufe mehrere Praktika. Diese finden zum Teil gemäss geltender Ordnung in verschiedenen Schulhäusern an wechselnden Orten statt. Das stete Wechseln von Orten und Schulhäusern hat Vor- und Nachteile. «Passt» eine Praktikumsstelle aus irgendwelchen Gründen nicht, so kann dieser Wechsel dieses Problem lösen. Andererseits müssen sich die Praktikantinnen und Praktikanten immer wieder an eine neue Umgebung gewöhnen. Die PHSG startete deshalb ein Projekt, bei dem Studierende des Kindergarten- und Primarstudiums einer Partnerschule zugeteilt wurden und alle Praktika in der gleichen Schuleinheit absolvierten.

Projekt Partnerschule 2.0
Die Ergebnisse des Versuchs auf der unteren Stufe waren so ermutigend, dass die Leitung der PHSG die Idee auf die Sekundarstufe adaptiert und das Projekt «Partnerschule 2.0» lanciert hat. Das Modell hat zum Ziel, dass die berufspraktischen Studien der angehenden Oberstufenlehrkräfte mit erhöhter Kontinuität vollständig in einer Schulgemeinde, respektive in einem Schulhaus stattfinden. Die Studierenden begleiten dabei die Schülerinnen und Schüler aus «ihrer» Praktikumsklasse über ihre gesamte Studienzeit und sammeln zusätzliche Erfahrungen im Praxisfeld durch die Teilnahme an schulischen und ausserschulischen Anlässen. «Das Projekt der Partnerschule zielt auf die Weiterentwicklung der berufspraktischen Ausbildung und führt zu einer Individualisierung des Studiums», nennt Professor Dr. Martin Annen, Pro-Rektor der PHSG, die Ziele des neuen Modells. «Die Studierenden erfahren sich im Praktikum selbst und finden ihren Weg als Lehrkräfte. Dabei ist es von Vorteil, wenn sie sich in der immer gleichen Umgebung bewegen können.»

Bezüglich Ausbildung auf Augenhöhe
Das neue Modell hat aber auch noch ein anderes Ziel. «Es führt zu einer engen Kooperation mit den einzelnen Schulen», erklärt Annen. «Die Schule und die PHSG übernehmen gemeinsam Verantwortung für die berufspraktische Ausbildung. Damit dies gelingen kann, begegnen sie sich auf Augenhöhe. Die PHSG versteht sich somit nicht als Chef, der alles vorgibt. Vielmehr werden die Diskussionen im Sinne gleichberechtigter Partner geführt.» Im neuen Partnerschulmodell sind Lehrpersonen, Studierende, Dozierende der PHSG und die Schulleitenden demnach als Kooperationspartner unterwegs. Die berufspraktischen Gefässe und die Begleitveranstaltungen werden gemeinsam erarbeitet und durchgeführt. Die Studierenden bilden über die gesamten Partnerschuljahre hinweg eine Reflexionsgruppe, die speziell betreut wird.

Ab 4. Semester in einem Schulhaus
«Das Konzept des Projektes Partnerschule 2.0 sieht vor, dass eine Gruppe von maximal zehn freiwilligen Studentinnen und Studenten ihre Praktika in den Semestern 4 bis 8 an einer ausgewählten Schule absolvieren», erklärt Rolf Engler, der an der PHSG für die berufspraktische Ausbildung zuständig ist. «Der Start in das Projekt besteht unter anderem aus Hospitationen, bei denen die angehenden Oberstufenlehrpersonen die Klassen kennen lernen sowie aus Teamteaching beziehungsweise aus Assistenztätigkeiten.» In dieser Zeit findet auch die Integration in den Lehrkörper der Schule statt. Die Studierenden nehmen aktiv am «Leben» der Schule teil, indem sie an Events der Schule und an Sitzungen des Lehrkörpers partizipieren.

Pilotpartner in Waldkirch und Gossau
Für das Projekt Partnerschule 2.0 wurden die Oberstufenzentren Bünt in Waldkirch, Rosenau und Buechenwald in Gossau sowie die Maitlisek Gossau als Partner ausgewählt. Prorektor Martin Annen: «Ausschlaggebend waren einerseits die Nähe der Partnerschulen zur PHSG in Gossau sowie die Tatsache, dass wir mit diesen Schulen schon diverse Projekte durchgeführt haben. Wir kennen uns gegenseitig sehr gut, es besteht eine gute Vertrauensbasis.»
Gestartet hat das Pilotprojekt im Februar 2020 mit neun der insgesamt 80 Studierenden im 4. Semester der Ausbildung zur Oberstufenlehrperson. Die Studierenden haben sich für das Projekt beworben und wurden durch die Schulleitungen ausgewählt und rekrutiert. Je zwei werden ihre Praktika in den Oberstufenzentren Bünt in Waldkirch und der Maitlisek in Gossau absolvieren, vier im OZ Buechenwald in Gossau und eine Studierende im OZ Rosenau in Gossau. Begleitet werden die sieben Frauen und zwei Männer von je einer Praxisdozierenden pro Schulhaus. Diese haben rund 300 Stunden in ihre eigene Weiterbildung investiert und mit dem Certificate of Advanced Studies CAS die Qualifikation für ihre Aufgabe als quasi Aussendienst-Mitarbeitende der PHSG erhalten.

«Erwarten eine grosse Dynamik»
Der Start zum Pilotprojekt Partnerschule 2.0 ist Mitte Februar 2020 erfolgt. Die neun «Probanden» haben sich allerdings schon vorher an ihre Aufgabe herangetastet. Rolf Engler: «Die meisten haben sich schon im letzten Semester mit ihren Praktika-Partnern kurzgeschlossen und ihre Mitarbeit aufgegleist. Sie sind in ihrer Praktikumsschule bereits angekommen, haben ein Daheim gefunden – ganz im Sinne des Pilotprojektes.» Prorektor Martin Annen erwartet vom Partnerschafts-Projekt zusätzliche Impulse für die Ausbildung der Oberstufenlehrpersonen: «Ich bin vom Erfolg unseres Projektes überzeugt und erwarte eine grosse Dynamik. Der Pilot mit den vier Partnerschulen wird sicher zum Fliegen kommen. Damit können wir die Idee in der Praxis weiterentwickeln.» Annen ist zudem überzeugt, dass nicht nur die PHSG und ihre Studierenden vom Pilotprojekt profitieren werden. «Der Mehrwert für die Oberstufenschülerinnen und Oberstufenschüler ist, dass die Studierenden über einen langen Zeitraum eine Beziehung zu ihren Klassen aufbauen können. Oberstufenschülerinnen und Oberstufenschüler werden im Schulbetrieb eine Verbesserung bemerken. Und für die beteiligten Oberstufenschulen bedeutet das Projekt die einmalige Chance, ihren möglichen Lehrkörper-Nachwuchs in der Praxis zu testen.» Am 22. Juni 2020 geht das Projekt in die zweite Runde. Die Studierenden, welche im Herbst 2019 ihr Studium begonnen haben, werden darüber im Detail informiert. Anschliessend können sie sich bei den Partnerschulen für die Praktika bewerben.